16.12.2017 · 16:04

Helen Mirra
gehend

(Field Recordings 1–3)

«Gehen» – als eine Art Seinsform – schafft die Basis für die Projekte von Helen Mirra: Das Museum Haus Konstruktiv startet sein Jahresprogramm mit einer Einzelausstellung der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Helen Mirra (geb. 1970 in Rochester, NY, lebt und arbeitet in Cambridge, MA).

Helen Mirra – gehend, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2012, Foto: Stefan Altenburger
Helen Mirra – gehend, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2012, Foto: Stefan Altenburger

Schon seit mehreren Jahren unternimmt Mirra sorgfältig geplante Wanderungen in verschiedenen Ländern und Erdteilen. In diesen «Gehprojekten» beschäftigt sich die Künstlerin auf eindringliche Weise mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die Ausstellung ist aus einer Zusammenarbeit zwischen drei Institutionen entstanden und hat zu einem aussergewöhnlichen Kunstprojekt geführt: Die topografische Unterschiedlichkeit der drei Institutions-Standorte wurde für Mirra zum Ausgangspunkt für die Konzeption ihrer Ausstellung: Da ist zum einen Zürich mit seiner Nähe zu Bergen und Seen, zum anderen Bonn, das am Übergang zwischen Rheinischem Schiefergebirge und Niederrheinischer Tiefebene liegt – und dann wiederum Berlin, die flächengrösste Stadt Deutschlands. Helen Mirra ist im Vorfeld der drei Ausstellungen jeweils vier Wochen durch diese verschiedenen geografischen Gebiete gewandert. Auf diesen Wanderungen entstand ihre neuste Werkgruppe der «Field Recordings 1–3».
In der Reihe bedeutender künstlerischer Positionen, die sich mit Natur- und Ordnungsprinzipien beschäftigen, man denke etwa an Hamish Fulton oder Richard Long, nimmt Helen Mirra eine besondere Stellung ein. Ihre Arbeiten entziehen sich idealisierenden Vorstellungen von Natur. Vielmehr zeigen sie eine einerseits wissenschaftlich-experimentelle, andererseits geradezu kalligrafisch-meditative Anmutungsqualität und entfalten so ihre poetisch-melancholischen Momente. Auf ihren jeweils 30-tägigen Routen durch die Umgebung der drei Ausstellungs-häuser sammelte die Künstlerin nach verschiedenen Ordnungssystemen (Masseinheiten, die sich z.B. durch Mirras Fuss-Länge ergeben) Materialien: Im Stundentakt suchte sie auf ihren 7-stündigen Wanderungen nach Objekten am Wegesrand: Das gefundene Material, ob Baumstumpf, Pflasterstein oder Farnblatt, bepinselte sie mit Tinte und fertigte an Ort und Stelle auf rechteckig zugeschnittenen Leinenstoffen einen Abdruck an oder erstellte eine Frottage. Mirras künstlerische Praxis stellt vielschichtige Bezüge her: Ihre Feldforschung ist eine künstlerische Vermessung der Natur und erinnert an die Arbeit historischer Naturforscher. So präsentieren sich die Tage in den Alpen als Bilderreihen, aus denen sich die repetitive, physische Arbeit der Künstlerin ablesen lässt: gehen, auswählen, bücken, abdrucken. Andererseits widerspiegeln ihre Wanderungen die zen-buddhistische Methode des «Kinhin», der Meditation im Gehen. Diese setzt einen Geisteszustand voraus, der – von dualistischem Denken und Zielgerichtetheit entleert – ein bereitwilliges Gefäss für das «leise Wachwerden des Geistes» ist. Gehen wird bei Helen Mirra zu einer spezifischen Form des Denkens jenseits der Sprache.



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16.12.2017
16:00 Uhr MEZ