24.04.2018 · 08:46

Datierung Nicht datiert
Objektmasse 38.5 x 47 x 4 cm
Technik/Material Porzellan
Nennung Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung der Sammlung Rolf und Friedel Gutmann
Inv.-Nr. SK07223
Victor Vasarely

Ohne Titel

Prototyp für Porzellan-Edition von Rosenthal (nicht ausgeführt)
Der französisch-ungarische Künstler Victor Vasarely (1906 Pécs, HU – 1997 Paris, FR) gilt als Begründer und Hauptexponent der Op Art, jener Kunstrichtung also, die sich innerhalb der geometrischen Abstraktion der Erkundung der Bewegungs- und Raumillusion verschrieb. Anders als die auf reale Bewegung setzenden Kinetiker und auch im Unterschied zu Zeitgenossen, die ein entgrenztes Sehen durch Halluzinogene induzierten, zielten die Op Art-Künstler programmatisch auf retinale Reize. Aufbauend auf den Bestrebungen der Moderne sowie anknüpfend an tradierte illusionistische Malweisen wie Trompe l'œil und Anamorphose, interessierten sie sich für Flimmereffekte, Nachbilder und ähnliche optische Phänomene und betrieben ihre Kunst parallel zu den jüngsten Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie als eine Art Angriff auf den stabilen Sehakt.
Als besonders geeignet für die Suggestion virtueller kinetischer und räumlicher Effekte erwiesen sich kleinteilige Muster und der harte Kontrast zwischen Schwarz und Weiss. Für Vasarely, der am «Budapester Bauhaus» Mühely bereits eine auf Farb- und Formenlehre ausgerichtete Ausbildung genossen hatte, wurde diese Erkenntnis nach längerer Tätigkeit als Gebrauchsgrafiker und einigen «fausses routes» rund zwei Jahrzehnte nach seiner 1930 erfolgten Übersiedlung nach Paris zu einem der fruchtbarsten Momente seiner Karriere. Zu dieser wichtigen Werkphase, in die auch die epochalen Ausstellungen «Le Mouvement» bei Denise René in Paris (1955) und «The Responsive Eye» im Museum of Modern Art in New York (1965) fallen, gehören nebst den wegweisenden Malereien einige wenige Objekte wie «Sorata-T» (1953) und «Pyramide» (1964). Analog zu den Gemälden – von der Glasplastik sind auch Fassungen auf Leinwand und Hartfaser bekannt – stimulieren unvereinbare Impulse wie hell-dunkel, rund-gerade oder positiv-negativ das Auge. Pseudokinetische Raumillusion in der Fläche und tatsächliche Präsenz in der dritten Dimension werden als eng verwandt vorgeführt, getreu Vasarelys Überzeugung, die anachronistisch gewordene Unterscheidung in Malerei und Skulptur sei durch die Vorstellung zwei-, drei- und mehrdimensionaler Gestaltung zu ersetzen. Folgerichtig erschöpfen sich die Werke nicht in ihrem blossen Dasein im Raum. Gekoppelt an das Spiel des Künstlers mit der Perspektive und der negierten respektive multiplizierten Idealansicht, fordern sie den Betrachter dazu auf, sich zu bewegen und Objektives stets neu – d. h. in der Zeit, im Jetzt und erinnernd – subjektiv und individuell verschieden zu sehen.
Auch die grossformatige Collage «Cassiopée C» und der Prototyp für eine letztlich so nicht realisierte Porzellan-Edition, beide undatiert, sind dem Schaffen in Schwarz-Weiss verpflichtet. Erstere verbindet das Prinzip einer gleichnamigen Werkgruppe von 1955–1958, in der volle und beschnittene Kreise so angeordnet sind, dass sie entlang gewisser Linien übereck stehende Quadrate ergeben, mit einer orthogonalen Ordnung, wie Vasarely sie namentlich mit «Yvaral» (1956) erprobte. Ausgeführt in komplementärem Rot-Grün, datiert sie aber wohl erst aus der Zeit nach der Wiedereinführung der Farbe und lässt so erahnen, welche Vielfalt der Programmierung und 3D-Illusion sich dem Künstler ab 1960 aus der Weiterentwicklung der systematischen Permutationen zu einem eigentlichen, aus Quadraten, Rhomben, Kreisen und Ellipsen gebildeten «alphabet des unités plastiques» eröffnete. Das reinweisse Relief dagegen variiert das gleiche Motiv in einer für Vasarely ungewohnt reduzierten binären Manier. Seine Entstehung ist im Kontext einer von Arnold Bode im Vorfeld der documenta III initiierten Zusammenarbeit mit Philip Rosenthal zu sehen, die Vasarely, der wie Bode fest an die Breitenwirkung der Kunst glaubte, von 1964 bis 1968 gemeinsam mit einer Anzahl weiterer Künstler eingegangen war.

Astrid Näff




Die Umsetzung wurde finanziert mit Beiträgen von:

Lotteriefonds des Kantons Zürich

Baugarten Stiftung
Ernst Göhner Stiftung
Dr. Adolph Streuli-Stiftung
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg



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24.04.2018
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