21.08.2018 · 00:33

Datierung 2007 - 2008
Bildmasse 77 x 58.1 cm
Technik/Material Epsondruck (Epson Fine Art Paper)
Nennung Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung der Künstler
Inv.-Nr. SK09148
Anna & Bernhard Blume

Flüchtender Konstruktivist

Jahresgabe der Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst, 2007
Das Künstlerpaar Anna Blume (geb. Helming, 1937, Bork/Westfalen, DE) und Bernhard Johannes Blume (1937, Dortmund, DE – 2011, Köln, DE) ist vor allem mit inszenierten künstlerischen Fotografien bekannt geworden. Kennengelernt hatten sich die beiden während ihres Studiums an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf 1960–1965. Bernhard Blume studierte anschliessend (1967–1970) Philosophie in Köln und war viele Jahre als Kunst- und Philosophielehrer tätig; Anna Blume arbeitete unterdessen als Werk- und Kunstlehrerin.
Gemeinsam entwickelte das Paar in den 1980er-Jahren ironisch gebrochene Bildgeschichten, die den Alltagsirrsinn der kleinbürgerlichen Lebenswelt visualisieren und die Selbstverständlichkeit von Alltagsritualen humorvoll-anarchisch hinterfragen. Als Protagonisten dieser Geschichte traten sie selbst auf – er zumeist mit Anzug, Hut und Krawatte, sie im Dress der braven Hausfrau. Sie entwarfen eine aus dem Lot geratene (Spiesser-)Welt, in der die Figuren dem skurrilen Eigenleben ihrer Habe scheinbar hilflos ausgeliefert sind. Vertraute Gegenstände verselbstständigen sich und zerstören, der Schwerkraft nicht mehr gehorchend, die bekannte Ordnung: Kartoffeln bedrohen die Hausfrau («Küchenkoller», 1985), Teller fliegen durch die Küche («Trautes Heim», 1985–1987), Blumenvasen entwickeln eine feindliche Dynamik gegen den überraschten Hausherrn («Vasenekstase», 1987). Mit bildtechnischen Mitteln der Übertreibung und Verfremdung sind die Szenen in Serien grossformatiger, schwarz-weisser Fototableaus festgehalten.
Später setzten sich Anna und Bernhard Blume mit den Möglichkeiten der digitalen Fotografie auseinander und nutzten diese für eine ebenso spielerische wie philosophisch fundierte Reflexion über die klassische Avantgarde, insbesondere den Konstruktivismus. Sie arbeiteten mit konstruktivistischen Skulpturenelementen und Balken aus Styropor, etwa für die Serie «Abstrakte Kunst» (2000–2004). Da hantierten sie mit dem Formenvokabular der Moderne, dekonstruierten, um gleich wieder aufzubauen, inszenierten sich in absurden Situationen und thematisierten so die Kunstgeschichte, aber auch das Leben selbst. Meist entstanden ihre Fotos mit viel Aufwand und vollem Körpereinsatz; noch im fortgeschrittenen Alter agierten die Künstler gewagt mit allerhand Materialien, balancierten und kletterten, so zum Beispiel für die Sequenz «Im Wald» von 1995, in der Bernhard Blume auf dem letzten Ast sitzt und seine Frau ins Nichts stürzt.
Im Schweben und Stürzen der beiden Protagonisten sind diese Fotoarbeiten performativ – und von der Fluxusbewegung insofern geprägt, als sie nicht auf ihr materielles Endprodukt hin geschaffen, sondern gelebt werden. Gleichzeitig sind sie als parodistische, fotografierte Karikaturen zu verstehen, die, wie es die Künstler selbst ausdrückten, zu einem «lebenslänglichen Fotoroman» angewachsen sind. Im Hinblick auf die kritisch-humorvolle Dekonstruktion bürgerlicher und künstlerischer Ideale stehen die Fotoserien von Anna und Bernhard Blume den subversiven Impulsen des Dadaismus nahe.

Dominique von Burg




Die Umsetzung wurde finanziert mit Beiträgen von:

Lotteriefonds des Kantons Zürich

Baugarten Stiftung
Ernst Göhner Stiftung
Dr. Adolph Streuli-Stiftung
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg



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