24.06.2018 · 14:39

Datierung 1966, 2010
Objektmasse 51.5 x 75 x 25 cm
Technik/Material Sprühlack auf Aluminium
Nennung Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung aus dem Nachlass Charlotte Posenenske
Inv.-Nr. SK10135
Charlotte Posenenske

Diagonale Faltung

Charlotte Posenenske (1930, Wiesbaden, DE – 1985, Frankfurt am Main, DE) schuf ihr komplettes Œuvre zwischen 1950 und 1968 und durchlief dabei von ihrer Studienzeit bei Willi Baumeister in Stuttgart über ihr Theaterwerk und die freie künstlerische Arbeit bis zum Ausstieg aus der Kunst eine vielseitige Entwicklung. Ihre wichtigsten Beiträge, mit denen sie sich als innovative Exponentin minimalistischer Tendenzen in Europa positionierte, konzipierte sie ab 1965, als sie ihre gestisch-tachistischen Spachtelbilder aufgab und sich plastischer Fragestellungen annahm. Den Neubeginn markierten geknickte Metallreliefs wie «Diagonale Faltung» (1966), die anstelle der subjektiv gestalteten Leinwand Industriematerialien einführten und die Pinselschrift durch Sprühlackverfahren ersetzten. Diese Eigenschaften prägen auch die nach RAL-Norm in wenigen klaren Farben gespritzten Aluminiumreliefs der Serien A, B und C (1967), von denen das Museum Haus Konstruktiv zwei rote und zwei gelbe Exemplare der Serie B besitzt. Materiell und in ihrer seriellen Zurschaustellung stehen diese Arbeiten Donald Judds Idee der «Specific Objects» nah, und tatsächlich stellte Posenenske in jenem Jahr mit Judd, Carl Andre und weiteren Vertretern der Minimal Art aus. Faktisch hatte sie deren Ziele aber bereits überwunden, indem sie die Entscheidung, wie und wo die konvexen oder konkaven Bleche gezeigt werden, Dritten überliess und sich so, in gleichzeitiger Abgrenzung zur Konzeptkunst, von der Autorität über die letztgültige Werkform und somit von einem weiteren wichtigen Aspekt künstlerischer Originalität verabschiedete. Die damit einhergehende Demokratisierung der Kunst unterstrich sie wenig später mit Prototypen für Vierkantrohre aus Zinkblech, die sich irritierend eng an Klimaschächte und ähnliche Architekturteile anlehnen, deren dienende Funktion und standardisierte Machart aber umgehen, um stattdessen als anonyme, frei im Innen- wie im Aussenraum montier- und platzierbare Plastiken in unlimitierter Auflage ihren Zweck zu erfüllen. Noch deutlicher zeigt sich Posenenskes Stossrichtung in ihrer letzten Werkserie, den «Drehflügeln», die – egal ob als metrischer Kubus wie «Kleiner Drehflügel Serie E» (1967/1968) oder als begehbare Archiskulptur – mit dem Ortsbezug im Sinn von Andre und dessen 1965 formuliertem Diktum «The function of sculpture is to seize and hold space» gleichermassen spielen und brechen. Dies erreichte Posenenske, indem sie das Publikum mittels beweglicher Teile zur Mitwirkung einlud und so über das partizipatorische Moment gegen die Abgeschlossenheit des Kunstwerks, räumlich wie zeitlich, Stellung bezog. Worauf es ihr ankam – die zentralen Begriffe Veränderlichkeit, Objektivität und inhärenter Raumbezug wären zu ergänzen um Stichworte wie gesellschaftliche Relevanz, Produktions- und Konsumkritik – führte sie gleichsam abschliessend in einem Statement mit Manifestcharakter aus, das 1968 im Mai-Heft der Zeitschrift «Art International» erschien. Danach galt ihr ganzes Interesse der Soziologie.

Astrid Näff




Die Umsetzung wurde finanziert mit Beiträgen von:

Lotteriefonds des Kantons Zürich

Baugarten Stiftung
Ernst Göhner Stiftung
Dr. Adolph Streuli-Stiftung
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg



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