17.12.2017 · 07:22

Datierung 1962
Bildmasse 2 Teile, je 78 x 78 cm
Technik/Material Siebdruck auf Pavatex
Nennung Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung aus: Das Progressive Museum Basel
Inv.-Nr. SK05043
Timm Ulrichs

Variator

Der «Variator» von Timm Ulrichs (1940, Berlin, DE) ist Teil seines von konstruktivistischen Anklängen begleiteten Frühwerks – und repräsentiert mithin nur eine kleine Facette seines vielfältigen multimedialen Schaffens. Denn schon seit den 1960er Jahren versteht sich Ulrichs als «Totalkünstler», und er hat diese Bezeichnung seither auf höchst überzeugende Weise eingelöst, indem er die Entgrenzung von Kunst und Leben konsequent auf sich selbst anwendet. So z.B. baute er, damals bereits Professor an der Kunstakademie Münster, anlässlich der Olympischen Spiele in München 1972 seine «Tretmühle» auf: eine Art Hamsterrad, in dem er täglich einen Marathonlauf absolvierte. 1974 liess er sich eine Zielscheibe über seinem Herzen tätowieren, und 1981 folgte eine weitere Tätowierungsaktion: Auf seinem rechten Augenlid stehen seither die Worte «The End» – sozusagen als Abspann auf seinen eigenen (Lebens-)Film, als eine, so Ulrichs, «mit einem Augenzwinkern, mit einem lachenden und einem weinenden Auge vorgetragene ‹Last Picture Show›, die letzte Vorstellung einer letzten Endes spektakulär und bühnenreif intendierten Lebensführung und -aufführung».
Neben Druckgrafiken, Body- und Performance Art umfasst sein Werk auch Sprachreflexionen, Fotografien, Plastiken und Installationen. Für sein Buch «Fotografieren verboten» (2012) etwa lichtete Ulrichs zahlreiche Schilder ab, die das Fotografieren verbieten – natürlich mitsamt der Objekte und Sperrzonen, auf die sich die Schilder beziehen. In München-Fröttmaning liess er, 150 Meter vom Originalbau entfernt, ein massstabsgetreues Duplikat der Heilig-Kreuz-Kirche tief in einem begrünten Müllberg versinken und erinnerte damit an die Geschichte des Ortes: Das Dorf, das die Kirche einst umgeben hatte, war im Zuge diverser Baumassnahmen seit den 1930er-Jahren entvölkert und schliesslich unter einer Müllhalde begraben worden; verschont blieb nur die Kirche selbst. Wie «Versunkenes Dorf» (2006) spielt auch die Arbeit «Bedrohtes Haus» (2004) mit der physischen Gefährdung eines Objektes: Eine Abrissbirne kreist um ein kleines Glashaus – und zerstört es, sobald am Ende der Ausstellung der Strom abgeschaltet wird.
Der «Variator» von 1962 also steht, als systematische Deklination einer Form, am Anfang eines reichen Schaffens, mit dem Ulrichs das Verhältnis von Körper und Kunst, von Leben und Kunst, mit neodadaistischem Witz und konzeptueller Klarheit durchdekliniert.

Britta Schröder




Die Umsetzung wird finanziert mit Beiträgen von:

Lotteriefonds des Kantons Zürich

Baugarten Stiftung
Ernst Göhner Stiftung
Dr. Adolph Streuli-Stiftung
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg



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17.12.2017
07:15 Uhr MEZ