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Rosa Barba

Zurich Art Prize 2026

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Der jährlich vom Museum Haus Konstruktiv gemeinsam mit der Zurich Insurance Company Ltd. vergebene Zurich Art Prize geht 2026 an Rosa Barba. Die in Agrigent, Sizilien, geborene und heute in Deutschland lebende Künstlerin ist die 19. Preisträgerin der renommierten Auszeichnung.

Rosa Barbas künstlerisches Schaffen bewegt sich an der Schnittstelle von Film, Skulptur und Installation, wobei die Übergänge bewusst fliessend bleiben. Schon beim Betreten der Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv wird Barbas komplexes Universum unmittelbar erfahrbar. Die Künstlerin verwandelt die Räume in ein vielschichtiges Setting aus Skulpturen, Filmen, eindringlichen Soundtracks und dem Sound der Projektoren. Unterschiedlich belichtete Filmstreifen werden zu Linien im Raum, die Licht projizieren, Klang erzeugen oder sich mechanisch in Schleifen bewegen. Die Grenzen zwischen Bild, Objekt und Ton werden so aufgehoben.
 

4.6.2026–30.8.2026
kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher

Wegleitung
Konkret gesagt

Im Zentrum von Barbas Interesse steht der Film – jedoch nicht allein als bilderzeugendes Medium, sondern als offenes System, in dem sich Zeit, Raum und Bild immer wieder neu verschränken. Es geht nie nur um das bewegte Bild selbst, sondern ebenso um das kinetische Potenzial seiner Präsentation. Der Titel der Ausstellung, Thick Harmonies, verweist auf diese Vielschichtigkeit, die sich durch das gesamte Œuvre Rosa Barbas zieht: So legt sie in ihren Filmen Erzählstränge aus Dokumentation, Fiktion und Narration übereinander und verflicht auf der akustischen Ebene komponierte Soundtracks mit speziellen Klängen, etwa Field Recordings oder dem Sound der Filmskulpturen, die auf diese Weise zu Musikinstrumenten werden.

Wie eine Zeichnung im Raum zieht sich eine Konstruktion aus geschwungenen Stahlrohren durch den ersten Ausstellungssaal. Sie bildet einen architektonischen Rahmen, dient als Tragestruktur für einige Werke und leitet die Besucher:innen durch die Präsentation. Die einzelnen Arbeiten folgen ihrem eigenen Rhythmus und fügen sich dennoch zu einem präzise inszenierten Ganzen zusammen, das Themen wie Licht, Sprache und Zeit verhandelt. Zeit versteht Barba dabei nicht als lineare Erzählung, sondern als Verdichtung von Ereignissen – als ein Archiv aus Spuren, Fragmenten und Wiederholungen, in dem sich Vergangenheit und Zukunft gegenseitig überschreiben.

Als Erstes begegnen die Besucher:innen Off My Mind (2025), einem flachen gerahmten Glaskasten, in dem ein zur Endlosschleife montierter und mit Text belichteter Zelluloidstreifen zwischen zwei Metallspulen eingespannt ist. Mechanisch wird er mit hoher Geschwindigkeit in beide Richtungen durch den Glaskasten gewirbelt. Der Text ist dabei nie als Ganzes lesbar, sondern nur im Moment der Ruhe. Sobald sich der Filmstreifen bewegt, windet er sich entlang des Rahmens oder bündelt sich zufällig in den unteren Ecken. Diese sich laufend verändernden Formationen des Zelluloidstreifens wirken wie eine kalligrafische Linie, wie ein mit der Feder oder dem Pinsel fortgeführtes Bild. Eine Qualität, die Barba auch schon als «filmische Malerei» bezeichnet hat.
 

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Ausstellungsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2026, Foto: Stefan Altenburger


Der 16-mm-Film Radiant Exposures – Facts Run on Light Beams These Days (2022) knüpft an Barbas langjährige Auseinandersetzung mit der Wüste und deren Nutzung für neuere Technologien an. Die Aufnahmen in Radiant Exposures zeigen weitläufige Felder aus reflektierenden Paneelen, die Sonnenlicht bündeln, um Energie zu erzeugen und zu speichern. Gleissendes Licht und bewusst unscharfe Aufnahmen evozieren das Flimmern sommerlicher Hitze und verstärken so den Eindruck einer von Energie durchdrungenen, beinahe immateriellen Landschaft – entrückt, zeitlos und unwirklich, schön und bedrohlich zugleich. Für kurze Zeit rieseln Buchstaben und Textzeilen über die Landschaftsbilder: Fragmente aus einem Gedicht von Robert Creeley (1926–2005) und einem Text des Musikers und Dichters Sun Ra (1914–1993) werden nach mehrmaligen Loops zeitlich versetzt lesbar. 

Zwei einander gegenüberstehende Projektoren bilden zentrale Elemente von Color Studies (2013). Beide Geräte projizieren Aufnahmen von Fotofiltern in Rot, Gelb und Blau auf eine in der Mitte positionierte Leinwand. Durch den Schleier der überlagerten Projektionen treten die beiden Apparate in einen visuellen Dialog, aus dem sich unterschiedliche neue Farbvariationen entfalten.

Die Arbeit besitzt auch eine musikalische Dimension: Die Leinwand wird von einem Notenständer gehalten und erinnert damit an eine Partitur, wobei der Rhythmus aus der Abfolge und Überlagerung der projizierten Farben entsteht; die beiden Projektoren fungieren so als Interpreten einer Komposition.

Composition in Field (2022) ist eine kinetische Skulptur aus transparenten Filmstreifen, die mit Textfragmenten aus Charles Olsons Manifest Projective Verse (1950) bedruckt sind. Darin plädiert der amerikanische Dichter für eine Poesie, die sich aus dem Fluss der Gedanken und dem Atem entwickelt, anstatt festen formalen Strukturen zu folgen.

In Barbas Arbeit werden die Filmstreifen horizontal und vertikal um einen Metallrahmen bewegt. Durch eine Lichttafel von hinten beleuchtet, formieren sie ein sich fortwährend wandelndes Wortgefüge, das eindeutige Bedeutungen bewusst offenlässt. Eine Art Poetry Machine, die – auch in der individuellen Rezeption der Leser:innen – immer neue Gedichte komponiert.

Die Werke der Serie Weavers (2025) zeigen unterschiedlich belichtete Zelluloidstreifen, die wie die Fäden in einem textilen Gewebe ineinander und um einen Metallrahmen gewoben sind. Im Museum Haus Konstruktiv präsentiert Barba zwei übereinander montierte Weavers, die knapp über dem Boden schweben und sich langsam drehen. Dabei treten die unterschiedlichen Eigenschaften der unregelmässigen Gewebestruktur besonders deutlich hervor: mal reflektierend, mal durchscheinend.

Rund 2,5 Meter über dem Boden windet sich die geschwungene Stahlkonstruktion weiter durch den zweiten Ausstellungssaal, wo zunächst As Fixed in Flux (2025) zu sehen ist. Die Arbeit besteht aus einer mechanischen Konstruktion aus Stahl, Aluminium und Glas, in der motorisierte Spulen und Arme rotieren. Locker daran angehängt sind Schleifen unterschiedlich belichteter Filmstreifen, die im Zusammenspiel von Lichteinfall und Bewegung stetig ihr Erscheinungsbild verändern.

Der auf die Wand projizierte 16-mm-Film Inside the Outset: Evoking a Space of Passage (2024) wurde erstmals 2021 auf Zypern gezeigt. In einem von den Vereinten Nationen kontrollierten Gebiet realisierte Rosa Barba eine künstlerische Intervention, einen Ort der Begegnung. Ausgangspunkt von Rosa Barbas Projekt war die rund 180 Kilometer lange Pufferzone, die die Insel in einen griechisch-zypriotischen Süden und einen türkisch-zypriotischen Norden teilt. Seit ihrem ersten Besuch im Jahr 2013 entwickelte Barba die Idee eines Open-Air-Kinos in diesem Gebiet. Errichtet wurde das 2021 fertiggestellte Kino ausschliesslich aus vor Ort vorhandenem Erdmaterial: eine in das Gelände integrierte, gestufte Freiluftarena mit einer Metallstruktur für die Leinwand, auf der regelmässig Filme für die Bewohner:innen beider Inselhälften gezeigt wurden.
 

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Ausstellungsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2026, Foto: Stefan Altenburger


In Barbas Film kommen ein Bewohner und eine Bewohnerin beider Inselteile zu Wort. Leise aus dem Off sind eine weibliche Stimme auf Griechisch und eine männliche Stimme auf Türkisch zu hören, ergänzt durch englische Textfragmente, die – mitunter auch als Spiegelschrift – über die Filmaufnahmen gelegt sind. Reales und Mythisches verschränken sich hier zu einer vielschichtigen Bildwelt: Unterwasseraufnahmen eines Schiffswracks, Bilder von am Meeresgrund liegenden antiken Amphoren, Aufnahmen von Meeresalgen und Seeigeln treffen auf Luftaufnahmen von Inselfragmenten und einer archäologischen Stätte. Kontrastiert werden sie durch Bilder der Grenzzone: ein stillgelegter Flughafen mit Wracks von Autos und Flugzeugen; verfallene, von streunenden Katzen bewohnte Gebäude. Zugleich zeigt der Film die Errichtung von Barbas Freiluftarena oder auch Schwärme von Flamingos im Flug. So verdichtet sich der filmische Raum, in dem unterschiedliche Zeiten, Wirklichkeiten und Perspektiven ineinandergreifen: Vergänglichkeit wird sichtbar, und die Pufferzone erscheint nicht nur als Ort der Separation, sondern als Passage der Verbindungen und der Begegnung.

Auf der anderen Seite der Wand stehen sich zwei 16-mm-Projektoren der Arbeit Color Response (2022) gegenüber. Ihre Lichtkegel kreuzen und überlagern sich im Raum. Durch beide Projektoren läuft jeweils ein geloopter Filmstreifen, der über eine mittig platzierte Glaskonstruktion mit ringförmig angeordneten Rollen geführt wird. Die mit Farbfiltern belichteten Zelluloidstreifen erzeugen ein flackerndes Zusammenspiel aus Weiss-, Rot-, Orange- und Gelbtönen. Wie in vielen Arbeiten hat Rosa Barba auch in Color Response das klassische Instrumentarium des Kinos so manipuliert, dass Maschinen und Materialien neue skulpturale Zusammenhänge generieren.

Das Werk Language Infinity Sphere (2026) ist Teil einer Serie von Skulpturen und Drucken, die unter Verwendung von alten Metalllettern entstanden sind. Deren ursprüngliche Funktion übernehmen längst neue Druck- und Textverbreitungsverfahren – und so werden die Lettern zu einem Sinnbild für die Instabilität von Sprache und Wissen. Unzählige von Bleidrucklettern ummanteln die Oberfläche einer Stahlkugel und formen auf diese Weise eine neue Druckvorlage für Prints. Zugleich entzieht sich die Skulptur jeder sprachlichen Eindeutigkeit: Die Lettern verdichten sich zu einer All-over-Struktur, die weniger einer alphabetischen als einer formalen Logik folgt. Sie werden zu einer Landschaft, einem Bild der «explodierten» Sprache.

Language Infinity Sphere bildet auch die Druckvorlage für die Sonderedition, die Rosa Barba im Rahmen der Ausstellung mit dem Verein für Originalgraphik (VfO) realisiert hat und die über den VfO erhältlich ist.

Im dritten Ausstellungsraum kommt die Verschränkung von Film, Licht, performativen Objekten und Sound auf eindrückliche Weise zusammen. 
 

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Ausstellungsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2026, Foto: Stefan Altenburger


Wirepiece, double stops (2025) besteht aus einer straff zwischen Decke und Boden gespannten Trommelsaite, die von einem darüberlaufenden Filmstreifen berührt – oder vielmehr «gespielt» – wird. Der Zelluloidstreifen übernimmt dabei eine doppelte Funktion: Zum einen erzeugt er eine diffuse Projektion, zum anderen versetzt seine Bewegung die Saite in Schwingung und bringt sie zum Klingen. Ein silbriger Ton entsteht, der die filmische Apparatur in ein klangliches Instrument verwandelt. Ein elektronischer Tonabnehmer verstärkt die Schwingungen der Saite, wodurch sich auch das charakteristische Flattern des durch den Projektor laufenden Zelluloids intensiviert.

In der Arbeit Stating the Real Sublime (2009), die in die Fensternische installiert ist, wird ein 16-mm-Filmprojektor allein von den Schleifen eines leeren Zelluloidstreifens getragen, der gleichzeitig durch den Projektor läuft. Gerade in ihrer Einfachheit ist die filmische Skulptur verblüffend: Es scheint kaum vorstellbar, dass ein schmaler Zelluloidstreifen das Gewicht der schweren Apparatur tragen kann. Da das Zelluloid unbespielt ist, projiziert der Filmprojektor lediglich ein Lichtquadrat an die Wand. Das Kino wird als Idee formuliert.
 

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Ausstellungsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2026, Foto: Stefan Altenburger


Im Zentrum des Ausstellungsraums aber steht Barbas 2025 realisierte Filmarbeit Charge. Der auf eine angewinkelte Wand projizierte 35-mm-Film feierte im vergangenen Jahr seine Premiere im MoMA in New York und wird im Museum Haus Konstruktiv erstmals in der Schweiz gezeigt. Charge ist eine filmische Erkundung des Faktors Licht als Quelle ökologischer Veränderungen und wissenschaftlicher Innovationen. Ausgehend von Recherchen am Observatoire Radioastronomique de Nançay, dessen grosse Radioteleskope wiederholt im Film erscheinen, filmte Barba in abgelegenen Landschaften, Solarparks und Physiklaboren, unter anderem an der ETH Zürich und anderen Stätten der Astronomieforschung. Mit ihrer analogen Kamera hielt sie zahlreiche Experimente als subtile Irritationen der Wahrnehmung fest – etwa flackerndes Licht oder vibrierende Oberflächen – und machte dabei Laborversuche mit unsichtbarem Licht durch die optische Linse erfahrbar.

Ausgangspunkt des Filmes ist eine bei Sonnenuntergang gedrehte Aussenszene, in der die Kamera über Hügel und Himmel schweift. Von da aus entfaltet sich Charge als rhythmisch-pulsierende Assemblage aus Naturlandschaften, wissenschaftlichen Apparaturen, Radiowellen, planetarischen Bildwelten und Sternensphären, Teilchenstrukturen, abstrakten Formen und optischen Phänomenen.

Akustisch wird Charge von einer vielschichtigen Klanglandschaft getragen. Ein zentrales Soundelement basiert dabei auf dem Gravitationslinseneffekt aus der Astrophysik: der Ablenkung 
von Licht- und Radiowellen durch grosse bewegte Massen (z. B. Galaxien). Diese Signale, die mit blossem Auge nicht sichtbar und auch nicht hörbar sind, übersetzt Barba in Klänge und macht sie so sinnlich erfahrbar. Ergänzt und strukturiert wird der Film durch eine hybride Tonspur aus unterschiedlichen Aufnahmen und rhythmischem Trommeln.
 


Rosa Barba studierte von 1995 bis 2000 an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Es folgte eine zweijährige Residency an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam. Artist in Residence war die Künstlerin auch u. a. im Atelier Calder, Frankreich, an der Chinati Foundation in Marfa, Texas, und im Harvard Smithsonian, Cambridge.

Barba kann bereits auf zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen zurückblicken, einzeln u. a. in folgenden Museen: The Museum of Modern Art, New York (2025); MALI Museo, Peru (2024); Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam (2024); Centre Pompidou, Paris (2023); Tate Modern, London (2023); Neue Nationalgalerie, Berlin (2021/2022); Pirelli HangarBicocca, Mailand (2017); Museo Reina Sofia, Madrid (2017); Secession, Wien (2017); Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main (2016). Werke von Barba waren zudem im Rahmen der 53. und 56. Biennale von Venedig sowie der Performa Biennial (2013) zu erleben (Auswahl).

Rosa Barba ist seit 2023 Ordentliche Professorin für Kunst in Raum und Zeit am Departement Architektur der ETH Zürich.
 

Der Zurich Art Prize ist ein Kulturengagement der Zurich Insurance Company Ltd.